Julia Flachs ist seit 18 Jahren bei Volkswagen und gehört seit 2022 zur Schwerbehindertenvertretung am Standort Zwickau. Dort unterstützt sie gemeinsam mit ihrem Team Beschäftigte mit gesundheitlichen Einschränkungen und setzt sich für geeignete Arbeitsplätze, faire Arbeitsbedingungen und gleichberechtigte Teilhabe ein. Im Interview erklärt sie, wie die SBV arbeitet und wie die Wahl abläuft.
Julia, bevor wir über die Wahl sprechen: Was ist die Schwerbehindertenvertretung eigentlich?
Die SBV ist die gewählte Interessenvertretung der schwerbehinderten und gleichgestellten Beschäftigten. Bei uns in Zwickau arbeiten wir als Team: Es gibt eine Vertrauensperson und mehrere Stellvertretungen. Gemeinsam beraten und begleiten wir Kolleginnen und Kollegen bei ganz unterschiedlichen Anliegen. Unser Ziel ist, dass gesundheitliche Einschränkungen nicht dazu führen, dass Menschen im Arbeitsleben benachteiligt oder ausgeschlossen werden.
Mit welchen Anliegen kommen die Beschäftigten zu euch?
Das ist sehr unterschiedlich. Manche Kolleginnen und Kollegen kommen wegen körperlicher Beschwerden zu uns, andere wegen psychischer oder seelischer Erkrankungen. Vieles sieht man einem Menschen nicht an. Uns ist wichtig, dass niemand Angst haben muss, offen über seine Situation zu sprechen. Wir hören zu, schauen uns die individuelle Situation an und überlegen gemeinsam, welche Unterstützung möglich ist. Dabei behandeln wir persönliche Informationen selbstverständlich vertraulich.
Was könnt ihr ganz konkret für die Beschäftigten tun?
Wir unterstützen zum Beispiel bei Anträgen auf Feststellung eines Grades der Behinderung oder einer Gleichstellung. Dabei geht es nicht nur um Zahlen, Diagnosen oder medizinische Befunde, sondern vor allem darum, welche Auswirkungen eine gesundheitliche Einschränkung auf den Alltag und die Arbeit hat. Wir helfen dabei, diese Auswirkungen nachvollziehbar darzustellen.
Und was passiert anschließend im Betrieb?
Dann geht es häufig darum, wie ein geeigneter Arbeitsplatz aussehen kann und welche Anpassungen notwendig sind. Wir arbeiten dabei unter anderem mit dem Betriebsrat, den Werksärztinnen und Werksärzten sowie Integrationsexpertinnen und -experten zusammen. Entscheidend ist, gemeinsam Lösungen zu finden, die zur jeweiligen Person und zu ihren gesundheitlichen Möglichkeiten passen. Eine Diagnose allein sagt schließlich noch nicht aus, welche Tätigkeiten ein Mensch ausüben kann.
Warum wird es schwieriger, geeignete Arbeitsplätze zu finden?
Sparprogramme, Arbeitsverdichtung und der wirtschaftliche Druck können dazu führen, dass geeignete Arbeitsplätze unter Druck geraten oder wegfallen. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Beschäftigten. Umso wichtiger ist es, dass SBV und Betriebsrat frühzeitig beteiligt werden und sich gemeinsam für gute, sichere und menschengerechte Arbeitsbedingungen einsetzen. Gesundheitliche Einschränkungen dürfen nicht dazu führen, dass Kolleginnen und Kollegen bei Veränderungen einfach aus dem Blick geraten.
Hast du ein Beispiel dafür parat, was eine SBV erreichen kann?
Wir haben einen Kollegen begleitet, für den wechselnde Schichten aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich waren. Gemeinsam konnten wir erreichen, dass er einen Arbeitsplatz im Normalschichtbetrieb erhielt und teilweise mobil arbeiten kann. Solche Lösungen entstehen nicht von allein. Man muss gemeinsam mit den Beteiligten nach einer tragfähigen Möglichkeit suchen und häufig auch langfristig dafür eintreten.
Wann kann in einem Betrieb eine SBV gewählt werden?
Wenn mindestens fünf schwerbehinderte Menschen nicht nur vorübergehend im Betrieb beschäftigt sind, kann eine Schwerbehindertenvertretung gewählt werden. Wahlberechtigt sind die schwerbehinderten Beschäftigten einschließlich der gleichgestellten Menschen. Kandidieren können grundsätzlich auch Beschäftigte ohne eigene Behinderung, sofern sie die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllen.
Wie läuft die Wahl ab?
Das hängt von der Zahl der Wahlberechtigten ab. Bei fünf bis 49 Wahlberechtigten gilt grundsätzlich das vereinfachte Wahlverfahren, sofern der Betrieb nicht aus räumlich weit auseinanderliegenden Teilen besteht. Ab 50 Wahlberechtigten findet das förmliche Wahlverfahren statt. Dabei gibt es einen Wahlvorstand, eine Liste der Wahlberechtigten, ein Wahlausschreiben und festgelegte Fristen.
Welche Aufgabe hat der Wahlvorstand?
Der Wahlvorstand bereitet die Wahl vor und führt sie durch. Er erstellt die Liste der Wahlberechtigten, veröffentlicht die notwendigen Informationen und organisiert die Stimmabgabe sowie die Auszählung. Das ist eine wichtige Trennung: Der Wahlvorstand ist für die ordnungsgemäße Durchführung der Wahl verantwortlich und erteilt verbindliche Auskünfte zum Wahlverfahren.
Bei euch in Zwickau sind über 400 schwerbehinderte und gleichgestellte Beschäftigte wahlberechtigt. Was bedeutet das für die Aufstellung der SBV?
Mit der Zahl der Beschäftigten wachsen auch die Aufgaben. Deshalb können mehrere Stellvertreterinnen und Stellvertreter gewählt und zur Arbeit herangezogen werden. Wir arbeiten als Team und können die vielen Beratungen und betrieblichen Themen dadurch besser untereinander aufteilen. Wichtig ist, dass die Kolleginnen und Kollegen wissen, an wen sie sich wenden können und dass ihre Anliegen Gehör finden.
Macht ihr Kandidatinnen und Kandidaten auch einen richtigen Wahlkampf?
Wir informieren die Beschäftigten über unsere Arbeit und unsere Schwerpunkte. Dazu gehören Plakate und Flyer, auf denen wir uns und unsere Themen vorstellen. Außerdem gibt es Aushänge mit Statements von Beschäftigten und Betriebsratsmitgliedern, die unsere Arbeit unterstützen. Natürlich nutzen wir auch die betrieblichen Informationskanäle.
Warum sollten sich die wahlberechtigten Beschäftigten beteiligen?
Weil eine starke SBV dazu beitragen kann, dass gesundheitliche Einschränkungen nicht zum Ausschluss aus dem Arbeitsleben führen. Sie bringt die Perspektive der Betroffenen in betriebliche Entscheidungen ein und setzt sich gemeinsam mit dem Betriebsrat für barrierefreie, gesundheitsgerechte und sichere Arbeitsplätze ein.
Gerade in Zeiten von Transformation und wirtschaftlichem Druck braucht es eine Interessenvertretung, die genau hinschaut, die Betroffenen einbezieht und konkrete Lösungen einfordert. Deshalb ist die SBV-Wahl wichtig: Es geht darum, wer sich in den kommenden vier Jahren für die Belange der schwerbehinderten und gleichgestellten Kolleginnen und Kollegen einsetzt.
Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg bei der Wahl, Julia!